Das ist die Fortsetzung des gestrigen Texts.
Pharao, der die Juden mit so einer Arbeit knechten wollte, dass sie überhaupt keine Zeit für das Schmieden der Pläne, die Kommunikation mit den Feinden und erst recht nicht für das Gebot haben, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (was dem Pharao äußerst nicht gefiel), hat ihnen die Aufgabe gegeben, Ziegel zu erstellen. In der Tora wird beschrieben, dass diese Arbeit die Juden extrem unterjochte und dass sie jegliche Freude im Leben verloren. Nun ist das ein bisschen komisch, oder? Ja, das ist eine monotone und kaum interessante Arbeit, aber man kann durchaus Beispiele für Jobs finden, die deutlich anstrengender sind als Ziegel zu bauen. Warum fanden die Juden ausgerechnet das so unangenehm? Im Torastudium gibt es ein Prinzip: Wenn man eine Sache besser verstehen will, dann muss man nachschauen, wo das entsprechende Wort in der Tora noch stand und in welchem Kontext. Das Wort “Ziegel” wurde in der Tora mehrmals erwähnt, und das erste Mal in der Parascha der letzten Woche, wo unter anderem die Geschichte über den Babylonischen Turm beschrieben wird. Die Menschheit, die gerade erst die Sintflut überlebt hatte, nachdem Gott beinahe die ganze Welt wegen der Sünden von Menschen zerstört hatte, hat schon wieder beschlossen, die Gebote nicht einzuhalten, und unter anderem das Gebot “seid fruchtbar, mehret euch und macht euch die Erde untertan”. Auf die ersten beiden Gebote wollten sie nicht verzichten (und wer will das denn?), aber sie wollten sich nicht auf der Erde verbreiten, sondern alle an einem engen Ort miteinander leben. Und dadurch hatten sie dieselben demographischen Probleme wie in Hongkong, wo man nicht in die Breite, sondern in die Höhe baut. Und so fingen sie an, den berüchtigten Turm zu bauen. In der Tora steht, dass sie zunächst einmal aus Steinen und, als diese ausgegangen waren, auch aus handgemachten Ziegeln den Turm bauten. Gott kam herab, sah sich das alles an und klagte: „Die werden noch allerlei Unheil anrichten!“. Und dann zerstörte er den Babylonischen Turm.
Da stellt sich die Frage: Ist unser Gott debil? Was hat er denn so doll befürchtet? Dann hätten sie eben weitergebaut, und lass es so sein. Hätten sie halt einen Wolkenkratzer wie in New York gebaut. Ein späterer Kommentar zu der Tora sagt: Sie haben den Turm gebaut, um den Himmel zu erreichen, gegen Gott zu rebellieren und ihn zu stürzen. Aber das ist ja ebenfalls komisch. Sie wussten perfekt, dass es keinen Sinn ergibt, denn Gott ist immanent, Er ist überall und nicht irgendwo hinter der Wolke. Sie wussten, dass sie Gott nicht erreichen, egal wie hoch der Turm sein wird. Was ist denn dann der Grund? Die Weisen erklären: Die Steine, aus denen sie den Turm bauten, waren hebräische Buchstaben, denn Steine sind Gottes Schöpfung. Und die Ziegel, die sie machten, waren tatsächlich von ihnen erfundene Zeichen, Symbole, wie ~ oder ^ oder @ oder $. Sie wussten, dass sie die von Gott erschaffene Welt nur dann unterwerfen können, wenn sie die Welt neu kreieren, mit den neuen Buchstaben, die eine andere Bedeutung haben und sich anderen Regeln fügen. Nur dann konnten sie eine Welt erschaffen, in der nicht nur Tische Stühle sind und nicht nur Küsse Fingerhüte (das sind ja alles noch harmlose Beispiele), sondern auch eine Welt, in der es kein Gutes, kein Böses, kein Schwarzes, kein Weißes mehr gibt. Eine Welt, in der Frieden Krieg ist, Liebe Hass ist, eine Welt, in der es keine Anhaltspunkte mehr gibt. Und darum haben sie aus “Steinen” die “Ziegel” gemacht.
Genau deshalb kam Gott herab (das soll man nicht im geometrischen Sinne verstehen) und sagte: “Sie werden hier noch Schaden anrichten”. Welchen Schaden? Sie werden diese Welt beschädigen, sie in die Unwucht versetzen, sodass hier die Wale aussterben, der Kannibalismus anfängt und keine Harmonie, die wir immer noch mit dem Kommen des Maschiach erhoffen, herrschen kann. Deshalb wollte Gott sie bestrafen. Und zwar lassen sich alle in der Tora beschriebenen Strafen mit dem in der Tora überall zu sehenden Prinzip “Maß für Maß” beschreiben. Was hätte Gott dann tun sollen? Ihnen das Baumaterial nehmen oder ihnen verbieten, in die Höhe zu bauen. Was macht Gott stattdessen? Er vermischt ihre Sprachen. Aus der Sicht der Tora ist das komisch. Warum hat Er ihnen die Sprachen vermischt? Die Weisen erklären: Weil sie zu gut Hebräisch sprachen. Sie wollten die schöpferischen Buchstaben verändern, aus dem Hebräischen etwas Ähnliches, aber doch anderes machen und die Welt dadurch für sich unterwerfen. Deshalb zwang Gott sie dazu, Hebräisch zu vergessen. Dafür gab Er ihnen 70 Sprachen, aber in diese Sprachen hat Er zwangsläufig Scherben des Hebräischen beigemischt. Denn ohne das, so sagen die Weisen, könnte keine Sprache überleben. Und so beschäftigten sich die Rabbiner damit, diese Scherben des Hebräischen in nichtsemitischen Sprachen zu finden. So wird behauptet, dass das japanische Wort „Samurai“ denselben Stamm hat wie das hebräische „Schomer“, also „Hüter“, „Wächter“. Und das griechische Wort „Eureka“ (auf Russisch sagt und schreibt man „Ewrika“) ist dasselbe Wort wie das Hebräische „Hawraka“ (Blitz, Aufflammen, Erleuchtung). Und so weiter. Aus der linguistischen Perspektive ist das natürlich fraglich, aber trotzdem unterhaltsam. Wie dem auch sei. Es gab schon Menschen, die die heilige Sprache nicht vergessen hatten, und das waren die Hebräer, die damals noch keine “Juden” im monotheistischen Sinne dieses Wortes waren. Gott hat diese Leute, die die heilige Sprache misshandelt hatten, nicht vernichtet, sondern ihnen die zweite Chance gegeben. Und nach ein paar Generationen hat Gott all diese rebellischen Seelen (die Juden, zumindest die chassidischen, mit deren Tradition ich vertraut bin, glauben an Reinkarnation) wieder in dieselbe Situation gebracht und hat sie in der ägyptischen Sklaverei gezwungen, Ziegel herzustellen. Nur jetzt haben sie sie nicht freiwillig, sondern unter Zwang hergestellt, deshalb haben sie die Ziegel natürlich mehr als alles andere gehasst. Maß für Maß.
Das, was wir gerade gesehen haben, war ein typisches Beispiel kabbalistischer Auslegung der Tora. Die Kabbala oder die “geheime Tora” ist die mystische Tradition des Judentums, die allerdings nicht als Magie oder Aberglaube zu verstehen ist (da die Kabbala von mehr oder weniger allen Juden als valid anerkannt ist). Sie versucht, die Tora noch tiefer zu interpretieren als sogar die klassischen Kommentare (geschweige denn die wörtliche Bedeutung des Geschriebenen) und das Rätsel der Weltschöpfung zu lösen. Und da die Welt bekanntlich mit Buchstaben geschöpft wurde, ist das Verstehen all dieser linguistischen, philologischen usw. Zusammenhänge ausschlaggebend für die Kabbala. Die Kabbalisten versuchen, in Wortstämmen die Buchstaben in einer anderen Reihenfolge aufzuschreiben (so hat zum Beispiel das Wort “Moschiach” den Stamm M-Š-CH, und das Wort “sameach”, also “fröhlich”, oder “Simcha”, also “Freude”, den Stamm Š-M-CH), die numerische Bedeutung der Wörter zu analysieren (da jeder hebräische Buchstabe außerdem eine Ziffer ist) und so weiter und so fort. Daraus entstand eine große philologische Tradition und, wie mir scheint, eine große Liebe der Juden zu den Sprachen. In unserer Synagoge ist die Mindestanzahl der Sprachen, die ein Mitglied beherrschen muss, um das Gebäude der Synagoge betreten zu dürfen, vier. Wenn du weniger Sprachen als das sprichst, dann wirst du schräg angeschaut. Das ist natürlich ein Witz, aber es ist tatsächlich sehr typisch für die Juden, mehrere Sprachen zu beherrschen und überhaupt diese ganzen etymologischen usw. Einzelheiten toll zu finden. Ich muss da auch an meine Urgroßeltern denken, die keine Möglichkeit hatten, in der Kindheit die Schule zu besuchen, und trotzdem vier Sprachen sprachen, eine davon, die russische, mussten sie als eine Fremdsprache lernen. Und das, wie gesagt, ohne eine Bildung zu haben.
Da diese Auslegung bis zum letzten Buchstaben so wichtig ist (jeder Buchstabe hat außerdem natürlich eine eigene tiefe philosophische Bedeutung), ist es ebenfalls wichtig, die Tora in der Originalsprache zu lesen. Und wenn man die Tora im Original liest, dann muss die Tora auch im Original geschrieben werden. Da spielt nicht nur die wörtliche Übereinstimmung eine Rolle, sondern auch die orthographischen Einzelheiten, der Abstand zwischen den einzelnen Wörtern, die relative Größe der Buchstaben (trotz der Tatsache, dass es im Hebräischen keine großen und kleinen Buchstaben gibt, sind in der Tora manche Buchstaben an den Stellen, wo man am wenigsten erwartet, ein bisschen größer als die anderen, was unter anderem den Holocaust und das Schicksal seiner Anstifter voraussagen konnte) usw. Alle Torarollen (zumindest alle koscheren) werden per Hand auf dem Pergament ausgefertigt, von einem Menschen, der Sofer heißt. Denselben Menschen haben wir schon in unserem Text über die Mesusa getroffen. All seine Buchstaben müssen gleich sein und genau so, wie im Original. Wie ihr wahrscheinlich schon bemerkt habt, weiß ich vieles über die theologische Seite, aber fast gar nichts über die technische Seite dieses Prozesses. Gott sei Dank haben wir in Dresden das Tora-Projekt, in dem ein Sofer eine Torarolle schreibt, und im Rahmen dieses Projekts habe ich am Sonntag einen Workshop besucht, in dem uns die Kunst des Toraschreibens ein bisschen vertrauter gemacht wurde. Auf dem Bild sind meine kläglichen Versuche zu sehen, die Buchstaben des ersten Wortes der Tora (“Bereschit” = “Im [sic!] Anfang”) mit einer Feder zu schreiben. Der Sofer hat vier von den sechs Buchstaben dieses Wortes für koscher befunden, was ich als einen großen Erfolg wahrnehme. Dafür benötigte ich eine Stunde. Wie ihr versteht, ist dieser Beruf sehr kompliziert, aber genauso sehr wichtig. Denn eigentlich braucht ihr gar keinen Rabbiner, um zu beten. Was man braucht, ist ein Minjan, also ein Quorum aus zehn männlichen Juden. Dann ist das Gebet als gültig anerkannt. Diese zehn Juden müssen alle an einem Ort sein und mehr oder weniger gleichzeitig beten, d.h. zusammen anfangen und zusammen enden. Und wo sich ein Minjan versammelt, ist überhaupt keine wichtige Sache. Es muss nicht in einer Synagoge sein. Was wichtig ist, ist die Fähigkeit, aus der Tora zu lesen. Das alles führte dazu, dass bei den Juden die Lese- und Schreibkundigkeit immer allgemein verbreitet war.
Was haben wir also unter dem Strich als kulturelles Phänomen aus all dieser Theologie? Die Juden, besonders die religiösen, tendieren dazu, sehr vorsichtig mit den Worten zu sein, weil man glaubt, dass Wörter selbst die schöpferische Kraft nicht nur haben, sondern sind. Das ließ eine große Liebe der Juden zu Wörtern und Sprachen, eine sehr lange Auslegungstradition und das Verständnis dafür entstehen, wie wichtig es ist, schreiben und lesen zu können. Andererseits folgt aus diesem Thema auch der jüdische allgegenwärtige Dualismus. Die Juden sind sowohl ein Volk als auch eine Religionsgemeinschaft. Ein Wort ist sowohl sein Klang als auch seine Schreibweise. Eine Sache und ein Wort sind untrennbar. Die schriftliche Tora und die mündliche gehen immer einher. Eine Idee ist untrennbar von ihrer Umsetzung. Ein Wort und eine Handlung sind das Gleiche. Der Körper und die Seele des Menschen sind voneinander untrennbar. Und so weiter und so fort. Wir haben das schon an sehr vielen Beispielen gesehen. Dieser Dualismus ist, glaube ich, die Essenz der jüdischen Kultur. Wohl nicht ohne Grund beginnt das jüdische Alphabet (das eigentlich Alephbeis heißen sollte, denn das griechische Alphabet mit seinen Alpha und Beta ist einfach eine Übernahme aus dem Hebräischen) mit dem Buchstaben Aleph (א). Dieser Buchstabe besteht aus zwei Juds (der hebräische Buchstabe Jud sieht aus wie ein Apostroph: י) und aus einem Waw (das ist ein Stöckchen: ו). Ein Jud ist ein Same, und ein Waw ist etwas, was trennt, aber auch verbindet (durch diesen Buchstaben Waw ist die Konjunktion “und” geschrieben. Ein “und” trennt zwar zwei Sachen, aber zugleich verbindet es sie). Die Kabbalisten sagen: Der obere Jud ist die Idee, und der untere Jud ist die Materie, zwischen denen eine Verbindung entsteht. Das ist die Idee der Schöpfung: Gott beschließt, eine Welt zu schaffen und haucht in sie eine lebendige Seele ein. Wie später auch mit dem ersten Menschen, Adam, dessen Name auch mit diesem Buchstaben beginnt und der überhaupt ein sehr gutes Symbol des Dualismus ist: Sein Körper ist aus Lehm, Erde (“Adama” auf Hebräisch) modelliert, und in diesen Körper wird die Seele eingehaucht. Und so ist dieser Dualismus eines der leitenden jüdischen Leitmotive. Und anders als de Saussure suggerierte, ist der jüdische Dualismus sehr wohl symmetrisch.